- 10.02.2026 - 08:00
Auch ein kurzer Blick in die internationale Schuleffektivitätsforschung bestätigt, was in der Praxis erfahrbar ist: Bereits seit den 1980er-Jahren kristallisierten sich die sogenannten «sieben Korrelate effektiver Schulen» heraus – ein Rahmenmodell, das bis heute die Schulentwicklung weltweit prägt (Lezotte, Lawrence W., Correlates of Effective Schools: The First and Second Generation, Effective Schools Products, Ltd., Okemos, MI, 1991). Ein zentrales Korrelat lautet: «Clear and Focused Mission». Wirksame Schulen zeichnen sich gemäss Lezotte dadurch aus, dass die gesamte Schulgemeinschaft ein gemeinsames Bild davon teilt, wofür ihre Schule im Kern steht – wofür sie morgens die Türen öffnet. Gemeint ist eine Schule, die ihr ganzes Wirken konsequent auf das Lernen aller Schülerinnen und Schüler ausrichtet. Der im deutschsprachigen Raum im schulischen Kontext verwendete Leitbildbegriff übernimmt diesen Kerngedanken ebenfalls. Darüber hinaus gibt ein Leitbild Antworten auf weitere Fragen, welche direkt oder indirekt mit dem Lernen zusammenhängen. Dazu gehören ein gemeinsames Selbstverständnis über handlungsleitende Werte, die Positionierung der Schule, ihre Organisation und Prozesse sowie die Zusammenarbeit im Kollegium und mit der Schülerschaft und der Schulleitung. Es umfasst ein geteiltes Verständnis zu Bildungsfragen, zur Gestaltung des Unterrichts, zur Schulentwicklung und Schulqualität sowie zu den Beziehungen der Schule nach aussen. Die weiteren Korrelate – etwa ein angstfreies, störungsarmes Lernklima, regelmässiges Monitoring von Lernfortschritten, effektive Lernzeit oder shared leadership als Kernkonzept der pädagogischen Schulführung – können ihre Wirkung erst dann voll entfalten, wenn sie in eine kohärente, von allen geteilte Mission eingebettet sind. Alle Aktivitäten, das Verhalten, Tun und Handeln der Akteure benötigen einen Referenzrahmen, der der gesamten Schule dienlich ist. Man könnte auch sagen: Das Leitbild repräsentiert das Funktionieren des Gesamtsystems «Schule» im Sinne der Kontextsteuerung (vgl. Wilke). Es hilft, typische Spannungsfelder zwischen den Interessen einzelner Personen und den Interessen der ganzen Schule sichtbar zu machen und auszubalancieren. Ein Leitbild vermittelt zwischen Eigensinn und Gemeinsinn, zwischen individuellen Freiräumen und gemeinsamen Verbindlichkeiten.
Warum Leitbilder gerade jetzt unverzichtbar sind
Gelegentlich höre ich das Argument, Leitbilder oder Leitbildarbeit seien «out». Wenn sich alles so schnell verändere und so «agil» sei, könne ein Leitbild dieser Dynamik nicht standhalten und sei deshalb überflüssig. Ja, ein Leitbild kann dieser Dynamik tatsächlich nicht standhalten – aber das muss es auch gar nicht. Ein partizipativ entwickeltes, gut verankertes und gelebtes Leitbild erfüllt Funktionen, welche die geforderte Flexibilität überhaupt erst ermöglichen. Es bildet gewissermassen das Fundament dafür! Erst ein gemeinsamer Rahmen, dem die Schulgemeinschaft vertraut, erlaubt es allen Akteuren, flexibel und selbstverantwortlich zu handeln, ohne in Beliebigkeit oder Zufälligkeit abzurutschen. Wo dieser Rahmen fehlt, müssen Schulleitungen viel Energie aufwenden, um die Schule «auf Kurs» zu halten und ein Auseinanderdriften zu verhindern.
Was ein Leitbild für die Schulen leisten kann
Im Folgenden möchte ich kurz fünf wichtige Funktionen von Leitbildern aufzeigen, welche eng miteinander verbunden sind:
Die wissenschaftliche Evidenz und die erlebte Praxis zeigen deutlich, dass Leitbilder wirken. Das Vorhandensein eines klar formulierten und gemeinsam getragenen Leitbildes ist ein zentraler Erfolgsfaktor für wirksame Schulen. Entscheidend ist jedoch nicht nur das Formulieren und Visualisieren, sondern auch der partizipative Prozess der Leitbildarbeit sowie das bewusste Leben und Erleben im Schulalltag. Ein Leitbild gilt nur dann als gelungen, wenn es von aussen sichtbar und von innen erlebbar ist. Es lohnt sich daher, in die Entwicklung und insbesondere in das Leben des Leitbildes zu investieren.
