- 30.06.2026 - 08:00
Diese Erfahrungen sind kein persönliches Versagen der Schulleitung. Sie verweisen vielmehr auf ein strukturelles Phänomen: Jedes Teilsystem folgt seiner eigenen operativen Logik, welche es sich über die Zeit erarbeitet hat. Dieses spezialisierte Wissen, diese Erfahrungen und Wahrnehmungen sind nur den darin operativ tätigen Personen zugänglich. Niemand ausserhalb eines solchen Teilsystems kann erfahren und erleben, wie es wirklich funktioniert, weil man nicht Teil davon ist. Teilsysteme sind in diesem Sinne operativ geschlossen. Diese Eigenlogik ist jedoch keine Schwäche, sondern eine Leistung: Sie ermöglicht den Teilsystemen eine Spezialisierung und Komplexitätsbewältigung. So entwickelt eine Fachgruppe über Jahre ein gemeinsames didaktisches Verständnis, eine Lehrperson kennt die Dynamik ihrer Klasse in einer Tiefe, die sich von aussen nicht erfassen lässt oder eine Projektgruppe hat Arbeitsweisen und Entscheidungsroutinen aufgebaut, die genau auf ihre Aufgabe zugeschnitten sind. Darin liegt die Stärke solcher Teilsysteme. Diese Eigenlogik gilt es zu respektieren. Teilsysteme benötigen Autonomie, damit die Kontextgebundenheit ihre Wirkung entfalten kann. Entscheidungen müssen dort getroffen werden, wo die operative Expertise liegt. Führung bedeutet, diesen individuellen Gestaltungsraum zu ermöglichen und zu schützen.
Gleichzeitig wächst der Steuerungsbedarf an den Schulen. Zunehmende Interdependenzen zwischen den Teilsystemen, eine steigende Komplexität der Aufgaben und eine wachsende Dynamik im Umfeld machen ein koordiniertes Handeln zugunsten der Gesamtschule unausweichlich. Daraus folgt ein Dilemma: Überlässt man die Teilsysteme ihrer Eigendynamik, drohen Zerfahrenheit, Beliebigkeit und Unverbindlichkeit. Versucht man, sie von aussen zu kontrollieren, entstehen die bekannten Gegenbewegungen. Jede Form operativer Eingriffe stört den Möglichkeitsraum eines Teilsystems. Und im Ergebnis tut es das, was es immer tut: der eigenen Logik folgen. Hier setzt die Systemtheorie nach Helmut Willke [2] an. Das Konzept der Kontextsteuerung eröffnet eine andere Perspektive.
Es geht für die Führung des Gesamtsystems nicht darum, was die Teilsysteme entscheiden,
sondern darum, in welchem Rahmen sie entscheiden. Das ist der zentrale Gedanke.
Was bedeutet das konkret?
Die Frage ist nicht, wie viel Energie eine Schulleitung in einzelne Teilsysteme investiert, sondern wie gut es ihr gelingt, Rahmensetzungen zu schaffen, unter denen alle wachsen können und gleichzeitig der Gemeinsinn des Gesamtsystems gestärkt wird.
[1]Die folgenden Kerngedanken sind für den schulischen Bereich ausformuliert und fokussieren auf die Ebene der Einzelschule. Typische Teilsysteme an einer Schule sind Lehrpersonen mit ihren Klassen, Projekt- und Arbeitsgruppen, Fachgruppen, ständige Kommissionen, Qualitätsgruppen und Personen mit Leitungsfunktionen untereinander (z. B. Klassenlehrpersonen, Fachgruppenleitungen, Projektleitungen). Die hier skizzierten Aussagen gelten folglich für alle Teilsysteme an der Schule gleichermassen. Ergänzend sei anzumerken: Die Gedanken gelten nicht nur für das System der Einzelschule, sondern auch für einzelschulübergreifenden Steuerungsebenen: z.B.: Schulkommission, kantonale Rektorenkonferenz, Mittelschul- und Berufsbildungsamt, Erziehungsdepartement/Bildungsdepartement.
[2]Willke, H. (2014). Systemtheorie III: Steuerungstheorie (4. Auflage). UVK Verlagsgesellschaft: Konstanz, München.
